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#WirSchauenHin: Das Interview zum Start unserer Safe Sport Kampagne

Mit dem heutigen Experten-Interview von David Knöß und Friederike Uhlenbrock vom Team Safe Sport des DOSB und der Deutschen Sportjugend (dsj) starten wir offiziell unsere Kampagne “#WirSchauenHin”. Ab heute veröffentlichen wir an den kommenden drei Donnerstagen jeweils Inhalte auf unserem Instagram-Kanal @baseball_softball_de. Unser gemeinsames Ziel ist es, für das Thema Gewalt im Sport zu sensibilisieren, aufzuklären, uns aktiv für ein sicheres Umfeld einzusetzen und ein unmissverständliches Zeichen zu setzen.

Hallo Friederike und David, Ihr arbeitet beim DOSB und der Deutschen Sportjugend (dsj) im Themenfeld Safe Sport und setzt Euch für einen sicheren und gewaltfreien Sport ein.

Wie versteht ihr Gewalt im Sport?

Friederike: Gewalt beginnt für mich dort, wo die körperliche oder psychische Integrität eines Menschen verletzt wird – und zwar unabhängig davon, ob das absichtlich oder unabsichtlich geschieht. Dabei geht es nicht nur um vermeintlich offensichtliche Formen körperlicher Gewalt wie Schläge oder andere körperliche Übergriffe. Auch Formen psychischer Gewalt, wie Einschüchterungen, Demütigungen oder Drohungen, sowie Formen der sexualisierten Gewalt oder sexualisierter Grenzverletzungen, oder das bewusste Missachten von körperlichen Bedürfnissen als Form der Vernachlässigung stellen Gewaltformen dar.

David: Richtig. Ergänzen möchte ich, dass sich der Blickwinkel auf Gewalt in den letzten Jahren geweitet hat. Historisch wurde im Sport das Themenfeld als PSG bezeichnet, also Prävention sexualisierter Gewalt. Heute beinhaltet Safe Sport die Prävention, Intervention und Aufarbeitung von Gewalt im Sport. Beim Gewaltbegriff sprechen wir heute von interpersonaler Gewalt. Das klingt erstmal etwas sperrig, umfasst jedoch die vier von Friederike genannten Gewaltformen physische, psychische, sexualisierte Gewalt und Vernachlässigung.


Wie zeigen sich diese Formen von Gewalt im Sport?

David: Zunächst erfolgt Gewalt häufig im Zusammenhang mit Macht und Machtmissbrauch. Im Sport bestehen daher insbesondere dort Risiken für Gewalt, wo Abhängigkeiten bestehen. Oft wird auch von einer Kultur der Angst berichtet. Dann ist der Machtmissbrauch in den alltäglichen Handlungen und Umgangsweisen eingegangen und bildet eine Art Normalität im Verein, in der Gewalt akzeptiert wird.

Friederike: Deshalb ist es gerade im Sport wichtig, genau hinzuschauen. Verschiedene wissenschaftliche Studien in den letzten Jahren haben deutlich aufgezeigt, dass wir alle Gewaltbereiche betrachten müssen. Athletinnen, die Gewalt erleben, sind oftmals von verschiedenen Formen gleichzeitig betroffen. Im Sport sind Emotionen, körperliche Nähe und Leistungsdruck allgegenwärtig. So können Situationen entstehen, die nach außen vielleicht wie eine harte Trainingsmethode oder ein besonders intensiver Moment wirken, für die involvierte Person aber eine Grenzverletzung darstellen können. Für mich ist deshalb
besonders wichtig: Sport darf fordern, aber er darf nicht verletzen oder entwürdigen. Dafür müssen Grenzen und das persönliche Empfinden von Sportlerinnen jederzeit respektiert werden.

David: Die Einsicht, dass Gewalt mit Machtverhältnissen und Prozessen der Unterdrückung einhergeht, begründet auch die Schnittstelle zu Diskriminierung von bestimmten Personengruppen. Zum Beispiel Mädchen und Frauen, LGBTIQ+-Personen, migrantische Gruppen oder Menschen mit Behinderung. Das besondere Gewaltpotenzial, das sich aus dem Zusammenhang mit Diskriminierungen ergibt, zieht eine besondere Verantwortung gegenüber den von Gewalt und Diskriminierung betroffenen Personen nach sich.

Wo genau entsteht interpersonale Gewalt im Sport?

Friederike: Im Sport sind es insbesondere Beziehungsverhältnisse, die Risiken für Gewalt bergen: Trainerinnen entscheiden über Einsatzzeiten, Kaderplätze und Entwicklungsmöglichkeiten von Sportlerinnen, zu denen sie gleichzeitig teilweise freundschaftliche Verhältnisse pflegen. Die Sportlerinnen sind so auf ihre Trainerinnen angewiesen und vertrauen ihnen. Dadurch können Abhängigkeiten entstehen, die es von Gewalt betroffenen Personen erschweren, sich zu wehren oder über Erlebtes zu sprechen. Hinzu kommen eigene sportliche Biografien, die häufig von Erfahrungen wie “Das haben wir früher auch so erlebt.” oder “Das gehört für mich zum Sport dazu.” geprägt sind. Wenn diese Überzeugungen nicht hinterfragt werden, können Strukturen entstehen, die Gewalt fördern und festsetzen.

Welche Form der Gewalt wird Eurer Meinung nach noch zu oft übersehen oder verharmlost?

Friederike: Ich glaube, dass vor allem psychische Gewalt noch zu häufig übersehen wird. Beleidigungen, andauernde Abwertungen, Bloßstellungen oder die bewusste Erzeugung von Angst bei Sportlerinnen werden teilweise als “harte Schule” oder notwendiger Teil des Sports abgetan. Hier liegt oftmals der im Sport weit verbreitete Glaubenssatz zugrunde: Wer Leistung bringen will, muss Druck aushalten. Leistungsorientierung ist aber keinesfalls eine Rechtfertigung für die Ausübung psychischer Gewalt. Kritik kann und soll es geben – sie ist ein wichtiger Teil des individuellen Lernprozesses – entscheidend ist aber, wie sie formuliert wird, wie häufig sie vorkommt und ob sie darauf abzielt, eine Person weiterzuentwickeln oder kleinzumachen.

David: Ich sage, Vernachlässigung wird leicht übersehen. Das beginnt im Sport, wenn zum Beispiel Verletzungen nicht ernst genommen, notwendige Ruhepausen verweigert oder andere Bedürfnisse von Sportlerinnen systematisch und dauerhaft verweigert werden – das stellt eine Ausübung von Gewalt dar. Gerade aus einer
Kinderschutzperspektive ist Vernachlässigung eine wichtige Dimension, wo wir genauer hinsehen sollten. Kinder und Jugendliche sind eine vulnerable Gruppe und daher sind für mich die Kinderrechte im Sport enorm wichtig. Mit dem Leitsatz “Schützen, fördern, beteiligen” schaffen Kinderrechte eine tolle Basis für einen sicheren Sport mit Entwicklungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche.
Friederike: Außerdem müssen wir heute auch digitale Räume mitdenken: Abwertende Nachrichten in Teamchats, das Verbreiten von Bildern oder sexualisierte Nachrichten überschreiten ebenfalls Grenzen und dürfen nicht verharmlost werden.

Was können wir im Sport machen, um Gewalt zu verhindern?

Friederike: Am wichtigsten ist für mich eine klare Haltung: Gewalt wird bei uns nicht akzeptiert! Diese Haltung muss von allen getragen und aktiv gelebt werden, von Athletinnen über Trainerinnen, Schiedsrichterinnen, und Elternteile bis hin zum Vorstand oder Präsidium. Wichtig ist, dass diese Haltung nicht nur ausformuliert in einer Schublade liegt, sondern auch im Alltag sichtbar wird. So können eine Kultur des Hinsehens und ein Empowerment stärkendes Klima entstehen, in dem Sportlerinnen ansprechen können, wenn ihnen etwas unangenehm ist, ohne Angst haben zu müssen, dadurch Nachteile zu erleben. Gerade Trainerinnen können viel dazu beitragen, indem sie auf Augenhöhe kommunizieren, Grenzen respektieren, Feedback zulassen und erklären, warum bestimmte Übungen oder Hilfestellungen notwendig sind. So entsteht ein Umfeld, in dem sich Sportlerinnen sicher fühlen und sportlich weiterentwickeln können.

David: Wir haben noch in allen Bereichen Weiterentwicklungsbedarf, also in der Prävention, der Intervention und der Aufarbeitung. Diese Bereiche sind auch nicht voneinander zu trennen, sondern können als ein ineinandergreifendes System verstanden werden, das aus jedem Fall lernt und besser wird. Um Gewalt vorzubeugen, ist aber natürlich die Prävention und die Entwicklung von Schutzkonzepten an erster Stelle zu nennen. Die Landessportbünde und Landessportjugenden machen schon hervorragende Angebote für Vereine und unterstützen diese im Prozess der Schutzkonzeptentwicklung. Auch Spitzenverbände haben eine Verantwortung für ihre Strukturen und auch dafür gibt es schon gute Beispiele, wie Gewalt- und Kinderschutz und Leistungssport zusammen entwickelt werden. Auf Bundesebene haben sich mit der Einführung des dsj- und DOSB-Stufenmodells im Jahr 2018 bzw. 2020 die DOSB- und dsj-Mitgliedsorganisationen zur verbindlichen Umsetzung von Schutzstandards in ihren eigenen Strukturen verpflichtet. Dazu gehören klare Verhaltensregeln, benannte und bekannte Ansprechpersonen, transparente Beschwerde- und Meldewege und regelmäßige Schulungen für Trainerinnen und Verantwortliche. Im Kontakt mit Kindern und Jugendlichen kommen weitere Schutzmaßnahmen wie die Einsicht erweiterter Führungszeugnisse hinzu.
Gerade auf Vereinsebene geht es nicht vordergründig um umfangreiche Konzepte oder komplexe Strategiepapiere. Vielmehr ist es wichtig, konkrete Maßnahmen für mehr Schutz im Sportvereinsalltag umzusetzen – Maßnahmen, die die Mitglieder direkt wahrnehmen und aktiv leben können und damit eine Kultur des Hinsehens und Handelns schaffen.

Friederike: Gerade mit Blick auf Kinder und Jugendliche ist wichtig, dass die eigenen Grenzen und die der anderen erlernt und Verhaltensregeln partizipativ entwickelt werden. Kinder zu stärken heißt, Kinder zu schützen!

Was ist für Betroffene wichtig, wenn sie Gewalt im Sport erfahren?

David: Zunächst geht es immer erstmal darum, Betroffene zu schützen und ihnen die notwendige Unterstützung zu bieten. Dafür gibt es unabhängige Beratungsstellen für Betroffene. Wer Gewalt erfährt, braucht Vertrauen. Wer also von einer betroffenen Person angesprochen wird, sollte ihr zunächst einmal zuhören und ihr signalisieren, dass man ihr glaubt. Die Erfahrung sollte keinesfalls relativiert oder heruntergespielt werden.

Friederike: Wer Gewalt erlebt, sollte sich entweder an eine unabhängige Beratungsstelle für Betroffene wenden oder an eine Vertrauensperson. Das kann eine Trainer*in oder andere Person im Verein sein, ein Elternteil oder eine Person außerhalb des Sports. Es ist wichtig, sich Unterstützung zu holen und nicht allein zu bleiben mit der Erfahrung. Gerade im Fall von bestehenden Macht- oder Abhängigkeitsverhältnissen ist es sinnvoll, sich an eine dafür vorgesehene Ansprechperson im Verein oder Verband oder eine unabhängige Beratungsstelle zu wenden. Dabei muss nicht sofort feststehen, was als Nächstes passieren soll. Es kann auch ein wichtiger Schritt sein, sich zunächst beraten zu lassen und gemeinsam die nächsten Schritte zu planen. Dabei müssen betroffene Personen selbst entscheiden dürfen, welcher Weg sich für sie sicher und richtig anfühlt. Und auch, wenn die Gewalterfahrung schon länger zurückliegt: Es ist nie zu spät, sich Unterstützung zu suchen.

Danke Friederike und David für das Interview und die wertvollen Informationen!

Friederike Uhlenbrock ist Psychologin und als Referentin Safe Sport in der Deutschen Sportjugend und im Deutschen Olympischen Sportbund tätig. Sie arbeitet mit Schwerpunkt im Kooperationsprojekt Sport Verein(t) in Zusammenarbeit mit Plan International, in dem modellhaft partizipative Schutzkonzeptprozesse in Sportvereinen entwickelt und begleitet werden.

David Cyril Knöß ist Sozialarbeiter und als Referent Safe Sport in der Deutschen Sportjugend und im Deutschen Olympischen Sportbund tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Prävention, Intervention und Aufarbeitung von interpersonaler Gewalt im Sport, der Schnittstellen von Gewalt und Diskriminierung, den Kinderrechten sowie Teilhabe und Vielfalt im Jugendsport.

 

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