Dugout, Laufsteg, Second Nature
Vor zwanzig Jahren bekam er ein Fahrrad und eine Matratze auf dem Boden. Geblieben ist er trotzdem. Ein Gespräch mit Brehan Murphy, Model und Hamburg-Stealers-Legende, über Baseball als Zirkel, dem man einmal beitritt und nie wieder verlässt.
Hamburg, Gameday, früher Vormittag
Es ist noch Stunden hin bis zum ersten Pitch, und Brehan Murphy ist trotzdem schon da. Über 40 Jahre alt, seit Jahrzehnten im Geschäft, und immer noch dieser Zustand, den er selbst am ehesten mit einem einfachen Satz beschreibt: gern trainieren. Wer das lange genug macht, wird gut darin. Wer das so lange macht wie Murphy, wird zur Institution. Noch dazu, wenn er wie im ersten Interleague-Spiel eine Partie gegen den amtierenden Meister per Walk-Off-Homerun beendet.
Niko Backspin trifft ihn für die zweite Folge von „THE WALK-UP“, dem Videoformat, das Innings gemeinsam mit der Deutschen Baseball Liga entwickelt hat. Nach dem Auftakt mit Tim Fischer von den Guggenberger Legionären wechselt die Kamera diesmal nach Hamburg. Und mit ihr das Thema. Fischers Geschichte war die vom Regensburger, der über die Farmsysteme in den USA wieder nach Hause fand. Murphys Geschichte beginnt woanders, in Seattle, im Garten, mit einem Schläger und einem Fernseher, auf dem George Brett spielte.
Vom Modeljob zur zweiten Karriere
Die eigentliche Pointe seiner Geschichte ist simpel und trotzdem selten: Murphy kam nicht wegen Baseball nach Hamburg. Er kam wegen des Modelns, für Kundentermine, für Shootings, für Verträge quer durch Europa. Baseball war das, was er am Wochenende noch machte, wenn er freihatte.
„Eigentlich war ich gar nicht daran interessiert, meine Baseball-Karriere weiterzuführen, als ich hier auftauchte.“
— Brehan Murphy
Dann lernte er die Mannschaft kennen. Kein Klubhaus, keine Tribünen, ein paar Garagen, Bänke, die man vor jedem Spiel neu aufstellte. Und trotzdem, oder gerade deshalb, dieser Kick, den er beschreibt: Leute, die einfach nur Spaß am Platz haben wollten. Man gab ihm ein Fahrrad. Man gab ihm eine Matratze auf dem Boden bei einem Teamkollegen. Er blieb.
Second Nature
Was Murphy über den deutschen Baseball von damals erzählt, klingt wie ein Report aus der Frühzeit eines Sports, der sich seine Infrastruktur selbst zusammenbauen musste. Plätze auf alten Pferderennbahnen. Fußballfelder, notdürftig umfunktioniert, mit viel zu kurzem Right Field. Murphy zieht die Parallele zu den frühen Yankees auf den Polo Grounds selbst, ganz beiläufig, so, wie jemand spricht, der die Baseballgeschichte einfach mitträgt.
Heute sieht er ein anderes Niveau. Spieler mit acht, zehn Jahren Erfahrung. Pitcher, die regelmäßig über 90 Meilen pro Stunde werfen. Und vor allem: Automatismen, die man nicht mehr trainieren muss, weil sie längst da sind.
„Vieles ist Second Nature. Die Spieler machen gute Plays, ohne nachzudenken.“
— Brehan Murphy
Er nennt Namen, mit denen er selbst spielte. Michael Wäller beispielsweise, Ex-Nationalspieler, von dem er nach eigener Aussage mehr lernte, als er ihm beibrachte. Bescheidenheit von jemandem, dem im Stealers Ballpark eine eigene Tafel mit den Namen der Vereinslegenden gegenübersteht.
Die Cap-Frage
Wenn es um Culture geht, kommt Backspin auf ein Thema zurück, das Innings bereits ausführlich behandelt hat: den Code der Baseball-Cap. Eine Yankees-Cap sagt nicht zwingend etwas über Baseball-Fandom aus, das war die These im Feature „Der Cap-Code“. Sie kann genauso gut New York bedeuten, Fashion, gar nichts. Eine Stealers-Cap dagegen ist eindeutig. Murphy bestätigt es, ohne zu zögern.
„Der gehört in meinen Zirkel.“
— Brehan Murphy
Ein Satz, der zusammenfasst, worum es in diesem Gespräch die ganze Zeit ging. Nicht um Statistiken, nicht um Meilen pro Stunde, sondern um Zugehörigkeit. Um einen Sport, der in Hamburg vor zwanzig Jahren aus ein paar Garagen und geliehenen Fahrrädern bestand. Der heute das ukrainische Nationalteam im Kölner Dugout sitzen sieht, wenn Murphy dort in der DBL spielt.
Murphy bleibt trotzdem der Mann von der Matratze auf dem Boden. Nur dass die Tafel im Stealers Ballpark inzwischen wartet.
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